Jobst-Pistorius
Eva & Thomas - unser gemeinsames Leben...

Manuskript des Films 


Unterwegs mit Ödipus

Ein Reiseführer durch Freuds Leben


Ein Film von           Eva Jobst
Fachberatung:     Prof. Christfried Tögel
Redaktion:             Dr. Martina Wagner
Martha:                    Simone von Zglinicki
Sprecher:                Dieter Bellmann
Sprecher Freud: Thomas Rühmann
c mdr/ ARTE 2000


„Im Alter von 82 Jahren verließ ich in Folge der deutschen Invasion mein Heim in Wien und kam nach England, wo ich mein Leben in Freiheit zu enden hoffe. My name? Sigmund Freud“
Als Sigmund Freud 1938 der BBC dieses Interview gibt, ist er ein alter, kranker Mann – und doch schon eine lebende Legende. Sein Werk  ist weltweit publiziert, seine Begriffswelt bereits Teil des Alltags geworden.    
Doch nicht seine Lehre steht im Mittelpunkt dieses Films, sondern der scheinbar ganz private Freud.
Seine häusliche Umgebung ist der Spiegel seines Alltags und seiner Obsessionen: Lesen, Schreiben, Rauchen.
Aber sie erzählt auch von seinen Sehnsüchten. Da ist einer, der sich mit Unmengen von Gegenständen umgibt, die  weite Welt und Geschichte atmen.     
Denn Freuds wohl größte Leidenschaft war das Reisen.  
„Wenn man zuerst das Meer sieht, den Ozean überquert, Städte und Länder als Wirklichkeiten erlebt, die so lange ferne, unerreichbare Wunschdinge waren, so fühlt man sich wie ein Held...“  
Zum 50. Geburtstag bekommt Freud von Freunden eine Medaille mit seinem Konterfei geschenkt.
Auf der Rückseite zeigt sie ein Bild von Ödipus und trägt die Inschrift:
„ der das berühmte Rätsel löste und ein gar mächtiger Mann war“ – ein Zitat aus dem „Ödipus“ von Sophokles.
Doch statt sich zu freuen, ist Freud  verunsichert. Er fühlt sich ertappt: Seine Freunde haben allzu genau einen geheimen Jugendtraum erraten.  
Der antike Ödipus war sein Lieblingsheld seit den Gymnasialjahren.
So wie Ödipus das Rätsel der Sphinx löste,  wollte er die Wissenschaft enträtseln.
Freud hatte früh begriffen: Wissen ist Macht.
Er erzählt seinen staunenden Gästen, dass er als Student durch die Arkaden der Wiener Universität ging, wo die Büsten   berühmter Professoren stehen.
Plötzlich wusste er, was er erreichen wollte: Großes schaffen, reich, berühmt, unsterblich werden.
Und damit hier einen Platz erobern.
Doch nicht nur das:
Sein Denkmal sollte eben jenes Sophokles – Zitat tragen:„der das berühmte Rätsel löste und ein gar mächtiger Mann war.“
Nicht nur sein Ehrgeiz, auch das private Umfeld war Voraussetzung für Freuds Erfolg. Denn der Freundeskreis und die große Familie hielten ihm immer den Rücken frei.
Allen voran seine Frau Martha, mit der er über 50 Jahre verheiratet war.


Unterwegs mit Ödipus - Ein Reiseführer durch Freuds Leben

Es ist sonderbar, noch einmal mit dir unterwegs zu sein.
Aus deinem Schatten zu treten ist ungewohnt. Dort hatte ich mich mein Leben lang eingerichtet.
Doch ich, dein Marthchen, deine liebe Alte“, habe, wenn du auf Reisen warst, täglich Post von dir bekommen – und so weiß ich vielleicht am besten, was mit dir umging. Zumindest das, was auch normale Leute verstehen.
Als du schon ein großer Gelehrter warst, konntest du immer noch staunen über ein Bild, eine Ruine oder einfach nur um 5 Uhr aufstehen, um einen Sonnenaufgang zu sehen.
Fast jeden Sommer warst du unterwegs.
Dabei hattest du solch eine Angst vor der Eisenbahn in den ersten Jahren...
Deine Reisen waren immer auch eine Flucht.
Warum nur hast du unsre Stadt nie gemocht?

WIEN: AUF DER SUCHE

Als Vierjähriger kommt Sigismund Schlomo Freud 1860 mit seinen Eltern nach Wien. In seiner Jugend mausert sich das monarchistische Wien zu einer europäischen Metropole.
In dieser Stadt wird er den größten Teil seines Lebens verbringen, fast 80 Jahre. Und doch wird Freud immer wieder über Wien klagen.
„Diese Stadt macht die Seele wund.  ( ... ) Ich sammle frische Kräfte, sooft ich den Fuß vom vaterstädtischen Boden abgehoben habe.“
Er schämt sich nicht, ein mittelloser junger Jude zu sein – und doch leidet er darunter. Den sichersten Halt findet seinesgleichen in einer soliden Bildung, das begreift er früh.
„Ich bin kraftvoll beisammen und gedenke die Wissenschaft auszubeuten, statt mich von ihr ausbeuten zu lassen.“
Doch Wien hat keine Antwort auf die Frage: Wie erreicht er seine ehrgeizigen Ziele  – wenn er doch den konkreten Weg nicht weiß?
Freud ist unsicher, ob die Wahl, Medizin zu studieren die richtige ist.
„Mich bewegt ...eine Art von Wissbegierde, die sich aber mehr auf menschliche Verhältnisse als auf natürliche Objekte bezieht...“
Diese Art von Wissbegierde kann selbst die Universität nicht stillen. Und so sind es zunächst Literatur und Geschichte, die ihm helfen, über die Wiener Verhältnisse hinauszusehen.  
Freud ist mit Büchern aufgewachsen. Seine klassische Schulbildung erschließt ihm eine ferne fremde Welt.
Er bewundert Schliemann, der mit dem Fund von Troja seinen Kindheitstraum verwirklichte. Die Bücher geben dem Jungen Kraft und Mut, an die eigenen Träume zu glauben.
In ihnen findet er Vorbilder und Ziele. Hier werden Träume geboren, die Orte seiner Helden, leibhaftig kennen zu lernen.
„Mich erfüllt die glühende Sehnsucht zu reisen und die Welt zu sehen.“
Diese Sehnsucht gibt die Reiseziele vor: Griechenland, die Heimat seines Lieblingshelden Ödipus.
Und ebenso wie der Semit Hannibal will er irgendwann versuchen Rom zu erobern. Später, nach seiner ersten großen Reise in den Süden wird Freud sagen:
„Ich gedenke reich zu werden und diese Reisen zu wiederholen.“
Doch noch ist Freud ein armer junger Mediziner...
Als wir uns kennen lernten, trugst du diese Träume schon lange mit dir herum. Das hat mich gleich gefesselt: Ein Mann mit einem so festen Willen, der würde  mich ein Leben lang festhalten können.
Deine Stärke hast du im Grunde deiner Mutter zu verdanken.
Sie und alle in der Familie haben so lange gesagt, du seist etwas besonderes, bis du selbst daran geglaubt hast.
So wurde aus dem verwöhnten Fratz ein ganz besonderer Mann.
Das haben auch die Frauen gewusst. Denkst du ich hab nicht gemerkt, wie sie um dich herum geschwirrt sind wie die Bienen um den Honigtopf?

FREIBERG: DAS WEIBLICHE

Freud und die Frauen – dieses Kapitel beginnt in Freiberg in Mähren.
Dort heiratet  der  verwitwete Jakob Freud die 20 Jahre jüngere Amalie Nathanson.
Als ihren ersten Sohn gebiert sie 1856 Sigismund Schlomo.
Er wird sich später Sigmund nennen.
Die Familienverhältnisse verwirren den kleinen Jungen. Der Vater ist alt, hat schon erwachsene Söhne. Warum ist nicht einer von ihnen der Mann seiner jungen Mutter? Oder eher noch: Warum hat er seine schöne, dominante Mutter nicht für sich allein? Später schreibt er:
„Ich habe die Verliebtheit in die Mutter und die Eifersucht gegen den Vater auch bei mir gefunden und halte sie jetzt für ein allgemeines Erlebnis früher Kindheit. Wenn das so ist, so versteht man die Macht des Ödipus.“
Und er wird gestehen, dass er als schon zweijähriger krank vor Eifersucht war,  als sein Bruder Julius geboren wurde.
Sigismund ist glücklich, als Julius, der vermeintliche Rivale, stirbt – gleichzeitig wird er deshalb lange schwere Schuldgefühle haben.  Immer wieder wird Freud das Thema „Mütter und Söhne“ aufgreifen.
Auch wenn heute viele seiner Thesen  umstritten sind, Fakt bleibt:
„Ein junger Mann, welcher der unbestrittene Liebling seiner Mutter ist, wird ein Gefühl triumphierender Selbstachtung und damit die Kraft für den Erfolg im späteren Leben entwickeln.“
Ganz sicher hat Amalia ihrem erstgeborenen Sohn diese Kraft gegeben, dem eine Bäuerin schon als Säugling prophezeit hatte, dass er ein großer Mann wird.
Ein Leben lang wird Freud seine Mutter verehren. Bis zu ihrem Tode in hohem Alter bringt er ihr all sonntäglich Blumen, wissend, was er ihr zu verdanken hat.
Die Familie zieht um nach Wien. Doch in den Ferien ist Freud oft in Freiberg. Hier begegnet dem 17jährigen die erste Liebe.
„Es war meine erste Schwärmerei, intensiv genug, aber vollkommen geheim gehalten. Das Mädchen reiste nach wenigen Tagen ab ( ... ) und diese Trennung ... brachte die Sehnsucht erst recht in die Höhe.
Ich erging mich lang in einsamen Spaziergängen ... mit dem Aufbau von Luftschlössern beschäftigt.“
Freiberg bleibt für Freud der Ort, dem er seine frühesten Prägungen verdankt. Trotz aller hier durchlittenen Schmerzen:
„Tief in mir überlagert lebt noch immer das glückliche Freiberger Kind, das aus dieser Luft, diesem Boden die ersten, unauslöschlichen Eindrücke empfangen hat“.     
Das schreibt er viele Jahre später, als er stolzer Ehrenbürger von Freiberg wird. Nicht nur auf seinen späteren Reisen nimmt Freud die Reize interessanter kluger Frauen sehr wohl wahr. Mit vielen verbindet ihn eine tiefe intellektuelle und emotionale Freundschaft. Und doch bleibt „die Frau“ für ihn ein dunkler Kontinent. Er sieht sie als schwaches Wesen, nicht geschaffen für den täglichen Überlebenskampf. Ihre wichtigste Aufgabe ist es, hingebungsvolle Mutter zu sein. Und trotzdem – oder gerade deswegen öffnet er Frauen die Türen zu einem völlig neuen Berufsfeld. Er schart einen Kreis  kompetenter Psychoanalytikerinnen um sich. Doch: Sexuelle Begehrlichkeiten bleiben außen vor.                                                                                                                                                          Es ist eine Schande, dass dieser Mann keine Geliebte hat, meint eine seiner Freundinnen.  In Freuds Werk spielt das Geschlechtsleben die Schlüsselrolle. Seine eigene Sexualität jedoch ist ihm nicht geheuer: Auf einer seiner Reisen  findet er sich – ohne es zu wollen - immer wieder im Hurenviertel. Freud tut sich schwer mit diesem Erlebnis.
„Ich beeilte mich, die enge Straße durch die nächste Einbiegung wieder zu verlassen. Aber nachdem ich eine Weile führerlos umhergewandert war, fand ich mich plötzlich in derselben Straße wieder, in der ich nun Aufsehen zu erregen begann und meine eilige Entfernung hatte nur die Folge, dass ich auf einem neuen Umwege zum drittenmal dahingeriet.“
Dass dir so etwas passiert ist, ist schlimm genug. Aber das dann auch noch aufzuschreiben?
Immer wieder hast du den Leuten gute Gründe gegeben, in unserer Ehe herumzuwühlen.
Dabei fing alles an wie bei anderen Verliebten auch, genauso einfach - und  genauso kompliziert.
Zum ersten Mal trafen uns im Haus deiner Eltern in Wien. Es war Liebe auf den ersten Blick, da bin ich mir ganz sicher. Sonst hätten wir uns nicht Hals über Kopf nach zwei Monaten heimlich verlobt.
Ob es eine weise Entscheidung meiner Mutter war, uns zu trennen, indem sie mit mir und Schwester Minna nach Hamburg zog? Sie meinte, eine lange Verlobungszeit an einem Ort taugt nichts. Sie macht die Braut blutarm – und der Mann fällt durchs Examen.
Wir konnten nicht ahnen, dass wir länger als vier Jahre aufeinander warten mussten.
Nur einige Male haben wir uns gesehen in unserer Verlobungszeit und uns scheu und keusch umarmen können.

HAMBURG: MARTHA

„Ich war ganz lebensunlustig, ehe ich dich hatte. Und jetzt, da du mein bist „im Prinzip“, ist, dich ganz zu bekommen, überhaupt eine Bedingung, die ich dem Leben stelle.“
Als sich die beiden kennenlernen, liegt   für Freud ein ausreichendes Einkommen in weiter Ferne, denn  der Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn geht viele Umwege.
Seine Armut schließt eine baldige Hochzeit aus.
Es ist die Liebe zu Martha, die ihm immer wieder Mut macht. Martha begleitet den schwierigen Beginn seiner Karriere aus dem Wien so fernen Hamburg.
Aberhunderte Brautbriefe wandern in dieser Zeit hin und her.
„Wenn du dir Liebeserklärungen von mir bestellen wolltest, ich könnte 50 solcher Bogen damit voll schreiben, aber du bist so brav und verlangst es nicht. Gute Nacht mein süßer Schatz, es grüßt dich herzlich dein Sigmund.“
Und Freud arbeitet wie ein Berserker, um die materielle Basis für eine Ehe mit Martha zu schaffen.   
„Ich habe einige Blätter aus meinem Arbeitsbuch herausgerissen, um dir, während mein Versuch vor sich geht, zu schreiben. Die Feder ist von Professors Arbeitstisch gestohlen, die Leute um mich glauben, dass ich meine Analysen ausrechne ( ... ) vor mir kocht es in meinem Apparat und brodeln die Gasblasen, die ich einleiten muß. Das Ganze predigt wieder Entsagen, Warten.“
Du weißt, dass du nicht der einzige Bewerber warst. Einen anderen hätt ich sicher einfacher und schneller bekommen. Doch ich hab nur dich gewollt.
Um so dümmer war deine fürchterliche Eifersucht auf alle und alles, sogar auf meine Mutter und meinen Bruder Eli.
Deine Leidenschaft hat mir manchmal richtig Angst gemacht.
Du wolltest mich besitzen mit Haut und Haar.
Andererseits – ich war auch stolz darauf.
Denn so war ICH der Auslöser für deinen Ehrgeiz und damit am Ende für deinen Ruhm.
Dein  „Bräutchen“, deine „hohe Herrin, süßes Lieb“, dein  „teures, heißgeliebtes Mädchen“ mußte lange warten auf dich.

PARIS: ENTDECKUNGEN

„Prinzeßchen, mein Prinzeßchen! O wie schön wird das sein! Ich ( ... ) gehe dann
( ... )  nach Paris und werde ein großer Gelehrter, und dann heiraten wir bald, und ich kuriere alle unheilbaren Nervenkranken, und du erhältst mich gesund, und ich küsse dich, bis du stark und heiter und glücklich bist.“    
Im März 1885 hatte sich Freud bei seiner Fakultät um ein Reisestipendium nach Paris beworben. Im Oktober kommt er glücklich und beschwingt hier an.
Seine Reise führte über Hamburg. Sechs Wochen konnte er bei Martha sein. Und endlich gab Marthas Mutter ihr Einverständnis zu einer baldigen Heirat!
Mit offenen Augen erobert Freud Paris – und nicht zufällig fühlt er sich wie Ödipus in Theben.
„Ich habe den vollen Eindruck von Paris und könnte sehr poetisch werden, es mit einer riesigen geputzten Sphinx welche alle Fremden frisst, vergleichen, die ihre Rätsel nicht lösen können, und noch anderes mehr.“
In seinen Pariser Briefen ist Freud trunken  von den Eindrücken dieser Stadt. Doch sein eigentliches Ziel ist harte, konzentrierte Arbeit.
Seine Entscheidung, nach Paris zu gehen, wird sich als glückliche Fügung für sein weiteres Leben erweisen.  Die Begründung im Antrag für das Stipendium liest sich nüchtern.  Er wollte...
„ ... bei Professor Charcot an dem reichen Materiale der Salpetriere-Klinik der Nervenkrankheiten zu studieren.“
Sehr schnell zieht ihn die schillernde Persönlichkeit Charcots ihn in seinen Bann – und sein Interesse in eine neue Richtung.
„Charcot, der einer der größten Ärzte, ein genial nüchterner Mensch ist, reißt meine Ansichten und Absichten einfach um. Nach manchen Vorlesungen gehe ich fort wie aus Notre Dame, mit neuen Empfindungen vom Vollkommenen.“
Freud ist Zeuge, wie Charcot auf seinem Gebiet die Medizin revolutioniert.
Als erster interpretiert er die Hysterie als echte Krankheit und experimentiert mit der Hypnose. Mit spektakulären Vorführungen macht er klar: psychische Leiden können mit psychologischen Mitteln behandelt werden!
Seine Demonstrationen begeistern Freud.
„Paris bedeutet einen neuen Anfang der Existenz für mich. Ich habe dort einen Lehrer gefunden, wie ich ihn mir immer vorgestellt, habe klinisch sehen gelernt, soweit ich das imstande bin, und eine gute Menge von positiven Kenntnissen mitgenommen.“
Auch wenn sich die Hypnose sich letztendlich als für Freud als therapeutische Sackgasse erweisen wird – Charcot beschert Freud  eine ganz neue Sicht auf die Psyche des Menschen. Im Taumel dieser Erkenntnisse genießt Freud seine rare freie Zeit.
„Man trinkt immer Wein, der sehr billig, tiefrot und sonst erträglich ist... Was Essen anbetrifft, so kann man dasselbe um 100 Franc und um drei Franc kriegen, man muß nur wissen, wo.“
Er bewohnt ein kleines Hotelzimmer – viel komfortabler als seine spartanischen Quartiere in Wien.  In dieser Stadt wachsen  sehnsüchtige Gedanken an seine ferne Braut.
„Man steigt auf 300 Stufen hinauf, es ist sehr dunkel, sehr einsam, auf jeder Stufe hätte ich dir einen Kuß geben können, wenn du mit mir gewesen wärst und du wärst ganz atemlos und wild hinaufgekommen.“
Später wird Freud schreiben, dass die Plattform von Notre Dame während der Monate in Paris sein liebster Aufenthaltsort war.
Er verbringt fast jeden freien Nachmittag dort und klettert zwischen den Chimären umher, hoch über der Stadt.
Seine Paris-Euphorie findet später in der „Traumdeutung“ ihren Platz.
„Paris war lange Jahre hindurch ein Ziel meiner Sehnsucht, und die Seligkeit, mit welcher ich den Fuß auf das Pflaster von Paris setzte, nahm ich als Gewähr, dass ich auch die Erfüllung anderer Wünsche erreichen werde.“
Näher als das lebendige Paris ist Freud die  steingewordene Geschichte in der Stadt, die ihm auf Schritt und Tritt begegnet.
Notre Dame bleibt nicht die einzige Entdeckung dieser Art.
An der Place de la Concorde nähert sich Freud  fasziniert dem ägyptischen Obelisken.
Die Gottheiten, halb Mensch halb Tier, sind ihm seit seiner Kindheit vertraut. Vogelköpfige Wesen hatten ihn bis in seine Alpträume verfolgt und zu Tode geängstigt.
Jetzt, in Paris, überkommt ihn angesichts des übermächtigen Monuments eine Ahnung von Unsterblichkeit. Begeistert schreibt er an Martha:
„Denk dir, ein echter Obelisk, mit den schönsten Vogelköpfen und sitzenden Männlein und anderen Hieroglyphen bekritzelt, seine guten dreitausend Jahre älter als das lumpige Volk um ihn herum, zum Ruhm eines Königs erbaut, dessen Namen jetzt nur wenige lesen können und der vielleicht vergessen wäre, wenn ihn nicht dieser Stein bewahrt hätte.“
Und noch ein Ort in Paris zieht ihn magisch an. Auch hier lässt er die Gegenwart weit hinter sich.
Im Louvre frönt er einer Leidenschaft,  die er lebenslang beibehält: Wann immer er auf Reisen ist, werden die Museen sein zweites zu Hause.
„Ja richtig, gestern war ich im Musee de Louvre, wenigstens in der antiken Abteilung.
( ...) auch die berühmte Venus von Milo habe ich gesehen und ihr das landesübliche Kompliment gemacht. Ein Fuß von ihr würde gleich zwei der deinen bedecken. Verzeih das Vergleichsobjekt, aber Hände hat die antike Dame nicht. Ich glaube die Schönheit der Statue ist erst später entdeckt worden, und ist es ein Übereinkommen dabei. Für mich haben die Dinge mehr historischen als ästhetischen Wert.“

Sag mir, ab wann hatte ich eigentlich für dich „mehr historischen als ästhetischen Wert“?
Wann wurde aus dem feinen Prinzeßchen die liebe Alte?
Ich weiß es nicht mehr.

Endlich haben wir nach jüdischer Zeremonie geheiratet, wie es Brauch ist. Das hatte ich dir abgetrotzt. Doch du hast unserer Ehe schnell deinen Stempel aufgesetzt. Es hat mir sehr Weh getan, dass ich freitags nie die Sabbatkerzen anzünden durfte!
Ich wurde zum stillen ordnenden Geist im Hintergrund.  So hattest du Dir mein Leben vorgestellt.
Bald kamen unsere Kinder, fast Jahr für Jahr. Es ging über meine Kraft, und meine Jugend war schnell dahin.
So haben wir fortan nur noch den Tisch geteilt und das Bett blieb kalt.
Aber musstest du dem Fließ schreiben:  „Mit dem Kinderzeugen bin ich nun fertig!“?
Meiner Meinung nach ging den das überhaupt nichts an.
Wenigstens hast du keine öffentlichen Kommentare abgegeben, als meine Schwester Minna bei uns einzog... Die Leute haben sich darüber das Maul zerrissen. Aber das war nun wirklich ganz allein unsere Sache.
Da lebten wir schon in der Berggasse. Ich mochte diese Wohnung nie, das weißt du. Um so mehr habe ich mich jedes Jahr auf den Urlaub gefreut.

SOMMERREISEN: ZEIT FÜR TRÄUME

Freuds Alltag wurde von ihm selbst streng reglementiert:
Die Patienten, die Arbeit an den Schriften, ein Leben nach der Uhr, nur unterbrochen von pünktlichen Mahlzeiten, regelmäßigen Spaziergängen und einer samstäglichen Kartenrunde mit Freunden.
Doch als Familie Freud es sich endlich leisten kann, verbringt sie alljährlich  herrliche Tage und Wochen auf dem Land, samt Marthas Schwester Minna, fern der alltäglichen Pflichten, fern von Wien.
Die Familie ist groß geworden, Freuds haben sechs Kinder. Die Söhne Martin, Oliver, Ernst, die Töchter Mathilde, Sophie und Anna. Nur die jüngste Tochter, Anna, wird in die Fußstapfen ihres Vaters treten und Psychoanalytikerin werden.
Die Familie genießt den Urlaub – und die viele Zeit, die Freud nun für sie hat.
Er badet in jedem See und versucht sich im Angeln.
Vor allem aber ist Freud begeisterter Pilzesammler.
Die große Familie streift gemeinsam durch die Wälder. Fast ist ein Jagdritual:
Mit scharfen Augen entdeckt Freud jeden Pilz. Und er erfindet eine Methode, den flinken Kindern zuvorzukommen:
Ob giftig oder nicht – er wirft mit dem Hut nach seinen Trophäen.
Schon lange hatte Freud auch begonnen, seine Träume zu sammeln. Die Muße, hinter ihren Sinn zu kommen, findet er in einem dieser Sommer.             
                             

So geschieht es:                                                                                  

Im Schloß Belle Vue, einem Hotel unweit von Wien, träumt er den ersten Traum, den er vollständig analysieren kann. Das Hotel existiert schon seit vielen Jahren nicht mehr. Und trotzdem hat sich auf andere Art eine Vision von ihm erfüllt.   

„Glaubst du eigentlich, dass an dem Hause dereinst auf einer Marmortafel zu lesen sein wird: „Hier enthüllte sich am 24. Juli 1895 dem Doktor Sigmund Freud das Geheimnis des Traumes“?
Das fragt Freud seinen Freund Fließ im Sommer 1900. Vor einem halben Jahr ist
die „Traumdeutung“ erschienen. Bis die erste schmale Auflage  verkauft ist, werden wiederum mehrere Jahre vergehen.
Zaghaft, aber unaufhaltsam tritt das Buch seinen Siegeszug um die Welt an.
1929 erscheint die inzwischen 8. Auflage. Im Vorwort schreibt Freud, dass die Psychoanalyse sich weiterentwickelt hat und das Buch als historisches Dokument zu betrachten ist.
Ungeachtet dessen ist es noch heute Bestandteil der abendländischen Kultur – bis hinein in die Alltagssprache.
Meine Meinung dazu? Es geht Fremde nichts an, was in den hintersten Winkeln der Seele passiert oder gar was er träumt. Besonders, wenn es keine anständigen Träume sind.
Aber du hast mich in all den Jahren unserer Ehe nie um meine Meinung gebeten, was deine Arbeit betraf.
Und ich war auch nicht die richtige Begleiterin für deine großen Bildungsreisen in den Süden.
Oft habe ich nur per Telegramm erfahren, wo du gerade bist, weil das Wetter oder dein Befinden oder einfach eine Laune deine Pläne geändert hatte. Diese Art zu reisen war nichts für mich.
Da kamen mir die Sorge um Hausstand und Kinder, meine Migräne und mein häufiges Unwohlsein nicht ganz unrecht.
Wie ein Zigeuner bist du manchmal von Ort zu Ort gezogen, hast in billigen Herbergen gewohnt, bist gelaufen bis zum Umfallen und hättest in den Museen am liebsten übernachtet.    

ATHEN: BEGEGNUNG MIT ÖDIPUS

Die geliebte antike Welt – lange muss Freud warten, bis er aufbrechen kann, sie zu erobern.
„So weit zu reisen, es so weit zu bringen, erschien mir außerhalb jeder Möglichkeit.“
Doch 1895 wird sein Traum endlich wahr – er erobert Italien – noch viele Male wird er wiederkommen.
Pünktlichkeit und Disziplin, die alltäglichen Rituale, bleiben in Wien.
„Man kommt zu nichts, die himmlische Sonne und das göttliche Meer – Apollon und Poseidon sind Feinde aller Leistung.“
Aber diese Begeisterung ist nur die eine Seite der Medaille. Gleichzeitig hat Freud eine irrationale Angst. Lange hielt sie ihn ab, Rom zu besuchen.
Woher sie rührt, dahinter wird er erst in Griechenland kommen:  Er befürchtet, dass die Realität seinen lang gehegten Träumen nicht standhalten kann.
Glück ist für ihn die Erfüllung eines Kinderwunsches. Doch was, wenn der Wunsch erfüllt wird, und man dennoch nicht glücklich sein kann?
Allein das ist der Grund, warum sich Freud den wichtigsten Zielen der antiken Welt zaghaft, fast widerwillig nähert.
Doch an einem Septembertag im Jahre 1904 ist es so weit:
Freud nimmt den Akropolishügel ein.
„Wie der Archäologe aus stehen gebliebenen Mauerresten die Wandungen des Gebäudes aufbaut, aus Vertiefungen im Boden die Anzahl und Stellung von Säulen bestimmt, aus den im Schutt gefundenen Resten die einstigen Wandverzierungen und Wandgemälde wieder herstellt, genauso geht der Analytiker vor, wenn er seine Schlüsse aus Erinnerungsbrocken, Assoziationen und aktiven Äußerungen des Analysierten zieht.“   
So fasst der Analytiker mehr als 30 Jahre später zusammen, warum ihn die Archäologie ein Leben lang faszinierte. Doch hier und heute überwältigen den Reisenden seine Gefühle.  Später wird er sagen, die bernsteinfarbenen Säulen der Akropolis sind das schönste, was er im Leben je gesehen hat.  
„Also existiert das alles wirklich so, wie wir es auf der Schule gelernt haben?!“
Die Erinnerung an das neugierige, sehnsüchtige Kind Sigismund bringt ihm urplötzlich den längst verstorbenen Vater in den Sinn. Jakob Freud hatte seinen Sohn stets befördert. Aus dem Jungen, der seinen Vater bewunderte, wurde irgendwann der Mann, der schmerzlich dessen Grenzen erkannte.
„Es muss so sein, dass sich an die Befriedigung, es so weit gebracht zu haben, ein Schuldgefühl knüpft ( ... ) Es sieht aus, als wäre das wesentliche am Erfolg, es weiter zu bringen als der Vater, und als wäre es noch immer unerlaubt, den Vater übertreffen zu wollen. ( ... ) Unser Vater war Kaufmann gewesen, er besaß keine Gymnasialbildung, Athen konnte ihm nicht viel bedeuten. Was uns im Genuß der Reise nach Athen störte, war also eine Regung von Pietät.“  
Der Mythos von Ödipus, der unwillentlich seinen Vater besiegt, wird in Athen für Freud verwirrend greifbar.
Sohn Sigmund als Ödipus, der seinen Vater überwindet?  Vater Jakob als unterlegener Kreon?
Der nüchterne Analytiker Freud wird diese Gefühle später „eine Erinnerungsstörung auf der Akropolis“ nennen. Auch die kindliche und dennoch sexuell empfundene Liebe zur Mutter, die ihn lange beschäftigt hat, wird er verallgemeinern.  
Doch erst 1908 wird er für diese Gefühle einen Begriff finden:
Ödipuskomplex. 

Über den Ödipuskomplex reden heute alle. Daß du aber mit deinem schönsten Hemd auf die Akropolis gestiegen bist, hast du  nur mir geschrieben. Und: dass es auf der Akropolis geregnet hat. Kein Mensch kann sich das wirklich vorstellen: Regen auf der Akropolis! Solche Dinge s Menschenrobert.  
tehen in deinen Briefen an mich. Den anderen hast du philosophische Traktate geschrieben und sie dann in deinen Büchern drucken lassen. Ich aber wußte immer ganz genau, ob das Essen gut und billig, die Herbergen bequem, die Fahrten angenehm waren. Natürlich geht es nur mich etwas an, wenn du mich zwölf mal am Tage herbeiwünschtest.
Und dass du dich oft amüsiert hast wie ein Schulbub – das widerspricht deiner Vorstellung von einem ernsten Gelehrten.
Auf Photographien schaust du ja auch immer so verbissen aus.
Dazu passen auch keine Berichte über verstopfte Nasen, schmutzige Wäsche, Friseurbesuche und fröhliche Eselsritte.
Deine Amerikareise war da etwas anderes.
Da warst du durchweg der ganz offizielle Dr. Freud.

AMERIKA: KOLUMBUS WIDER WILLEN

1909 folgt Freud  einer Einladung der Clark-University in Worcester.                                   Eine besondere Überraschung erlebt er bereits auf dem Schiff: Er sieht, dass ein Kabinensteward ein Buch von ihm liest. Er hatte inzwischen also auch die Köpfe und Herzen der einfachen                                                                                                                                                   Es ist eine sehr ambivalente Reise. Zwar kommt er herum, sieht er auch die Niagarafälle und Boston. Doch der Inbegriff für Amerika wird für ihn New York bleiben.
Seine Gefühle auf dieser Reise sind zwiespältig.
In den USA hält Freud – auf deutsch und völlig frei – fünf Vorträge über die Psychoanalyse. Er hat großen Erfolg.
So hat er also in Amerika erreicht, was ihm in Europa versagt blieb: Hier wird er endlich wissenschaftlich anerkannt. Er erhält die Ehrendoktorwürde.
„Die Psychoanalyse war also kein Wahngebilde mehr, sie war zu einem wertvollen Stück der Realität geworden.“
Trotzdem betont er immer wieder, dass Amerika ihm nichts bedeutet.
„Ich habe gelernt, dass die alte Welt von der Autorität regiert wird wie die neue vom Dollar. Ich habe meine erste Verbeugung vor der Autorität gemacht,  darf also hoffen, belohnt zu werden.“
Freud nörgelt über die amerikanische Küche, die seine Verdauung belastet. Doch sein eigentliches Unbehagen ist nicht animalischer Natur.
Sein gesamtes Weltverständnis beruht auf Geschichte, und so sieht er in den USA ein Land ohne Vergangenheit. Ein Land, das sich nicht nur mit den ersten Wolkenkratzern – die ihm nicht gefallen - nach oben orientiert. Ein Land, das ausschließlich auf Zukunft setzt.
Die Stadt New York bedrückt Freud.  So etwas großes, wildes hatte er noch nie gesehen.
Auf der Suche nach Vertrautem führt ihn einer seiner ersten Ausflüge zu den Antiken im Metropolitan Museum,  schreibt er an Martha.
In jedem deiner Briefe lauerte ich auf Zeichen deiner Einkaufswut. Krawatten und Hüte für dich – das ging ja in Ordnung.
Und über sinnvolle Sachen für mich oder die Kinder hab ich mich sehr gefreut.
Doch oft genug hast du auch „Altertümer“ oder „billige Tongefäße mit drohenden Transportschwierigkeiten“ angekündigt.
In die Wohnung kamen mir solche Sachen nicht!
Nach und nach füllten diese Staubfänger  deine Praxis und das Wartezimmer.
Aber was sollte ich machen – du warst halt sammelsüchtig.

FANTASIEREISEN: DIE SAMMLUNG

„Ärgerlich und lächerlich ist ein Verlesen, dem ich sehr häufig unterliege, wenn ich in den Ferien in einer fremden Stadt spaziere. Ich lese dann jede Ladentafel, die dem irgendwie entgegenkommt, als Antiquitäten. Hierin äußert sich die Lust des Sammlers.“

Am Ende sind es mehr als 2.000 „alte, dreckige Götter“, wie Freud sie selbst ironisch nennt.
Sie füllen Freuds Arbeitsräume bis zum Bersten – erst in Wien, dann in London.
Sie betten den Patienten in eine Umgebung ein, die ihm unbewusst bewusst macht, dass sein Leiden, seine Träume nur ein kleiner Tropfen sind im Fluß der Geschichte.
Freud liebt seine Sammlung,
Manches Mal erscheint er sogar mit einer Figur in der Hand zum Mittagessen, um sie bei Tisch zu liebkosen.
Als der alte krebskranke Freud keine großen abenteuerlichen Reisen mehr machen kann, sind die Antiquitäten Trost und Ersatz für sein Angebundensein.
Und so ist es für ihn nicht absurd, sondern überlebenswichtig, die Sammlung und seine Bibliothek mit in die Emigration zu nehmen.
Als die Nazis in Berlin deine Bücher ins Feuer warfen, hast du gesagt: Im Mittelalter  hätten sie mich verbrannt. Heute begnügen sie sich mit meinen Büchern. Doch die Zeiten, die angebrochen waren, waren dunkler als das Mittelalter.
Irgendwann hätten sie sicher auch dich und mich und uns alle verbrannt – so wie am Ende dann deine armen Schwestern...
Als die Gestapo zum ersten Mal kam, habe ich meine Angst versteckt. Ich hab ihnen das Haushaltsgeld auf den Tisch gekippt – und sie haben es tatsächlich mitgenommen.   
Erst als das Annerl einen Tag lang festgehalten wurde, bist du aufgewacht. Hier ging es nicht nur um einen alten kranken Mann, der sich in den Kopf gesetzt hatte, in Ruhe zu sterben.
Hier ging es um das Leben der ganzen Familie.

ENGLAND: DIE LETZTE REISE

Als Hitler am 14. März 1938 in Wien einmarschiert, erwartet ihn eine jubelnde Menge. Es ist der Tag des „Anschlusses“ Oesterreichs ans Deutsche Reich.
Schnell hat sich das Nazi-System etabliert, der Widerstand ist gering. Die „arische“ Bevölkerung greift nicht ein,  als es zu massivem antijüdischen Terror kommt. Auch Familie Freud ist in höchster Gefahr.
Ihre Flucht führt über Paris.
Nur Dank vieler Freunde mit diplomatischen Beziehungen ist sie überhaupt möglich.
Bei seiner alter Freundin Marie Bonaparte kommt er zum Luftholen.
„Der eine Tag in Ihrem Haus in Paris hat uns Würde und Stimmung wiedergegeben.“
Als Freud in England ankommt, erwarten ihn Hunderte Journalisten.
Im British Medical Journal ist zu lesen:
„Der Ärztestand Großbritanniens wird stolz sein, dass sein Land Professor Freud Asyl gewährt und dass er es zu seiner neuen Heimat gewählt hat.“
Begrüßt wird er vom Lordsiegelbewahrer seiner Majestät.
„Der Empfang in Victoria Station und dann von den Zeitungen dieser ersten zwei Tage war liebenswürdig, ja enthusiastisch. Wir schwimmen in Blumen.“
( Doch ) „Das Triumphgefühl der Befreiung vermengt sich zu stark mit der Trauer, denn man hat das Gefängnis, aus dem man entlassen wurde, immer noch sehr geliebt.“
Aber Freud macht das beste aus der Situation:
Endlich auf der Insel denkt er an Wilhelm den Eroberer!
Bereits mehrmals in seinem Leben ist er in England gewesen. Das erste Mal als Student. Er liebt dieses Land, seit er ein Junge war.
Freud verehrt die britische Geschichte. Nicht ohne Grund heißt sein zweiter Sohn Oliver – nach Oliver Cromwell.
"Ich lese englische Gedichte, schreibe englische Briefe, deklamiere englische Verse, horche auf Beschreibungen von England – und dürste danach, englische Landschaften zu sehen. Wenn das so weitergeht, werde ich mir noch die englische Krankheit holen.“
Freud liebt die Geschäftigkeit, Freundlichkeit und das Rechtsgefühl der Briten.
Auch ihr Starrsinn und Konservativismus haben seine Sympathie.Dieses Urteil findet er nach der Ankunft in London bestätigt.
„England ist ein gesegnetes, ein glückliches Land von wohlwollenden, gastfreundlichen Menschen bewohnt, das ist wenigstens der Eindruck der ersten Wochen.“
Auf der Suche nach einem sicheren Exil-Ort ist also schon rein emotional England Freuds erste Wahl.
Nach mehreren Zwischenquartieren bezieht die Familie Freud das Haus Nummer 20 in Maresfield  Gardens.
Hier unterschreibt er im Ehrenregister der Royal Society, in der er seit 1936 korrespondierendes Mitglied ist.
Er ist unbändig stolz, denn sein Name findet sich nun neben denen von Newton und Darwin.
Hier feiert er im Kreis der Familie seinen letzten, den 83. Geburtstag.
Hier wird er fast bis zu seinem letzten Tag arbeiten.
Hier gibt er sein einziges Rundfunkinterview und resümiert sein Leben:
„Ich begann meine beruflichen Aktivitäten, als Neurologe, indem ich versuchte, meinen neurotischen Patienten Heilung zu bringen.
Die Menschen glaubten mir nicht und nannten meine Theorien unsicher. Der Widerstand war groß. Doch am Ende war ich erfolgreich,
Aber der Kampf ist noch nicht vorbei.“
Doch sein Kampf ist zu Ende.
Freud hat viele Jahre mutig mit dem Krebs gekämpft.  Doch als der Schmerz überhand nimmt und der Gestank seiner nun offenen Geschwulst sogar die geliebten Hunde vertreibt, verlässt ihn der eiserne Lebenswille .
Freud stirbt nicht im Bett, sondern in seinem Arbeitszimmer - an einer Überdosis Morphium.
Er hatte seinen Arzt an ein altes Versprechen erinnert: Ihm zu helfen, wenn die Quälerei keinen Sinn mehr hat.
Seine Asche ruht in einem antiken griechischen Gefäß - gemeinsam mit der
Asche seiner Frau Martha, die ihm 12 Jahre später folgt.


Du hast mir nie gesagt, dass du so aus dem Leben gehen willst.
Ich wußte nur, daß ich deine Erlösung wünschen mußte.
Danach war ich unvorstellbar allein, noch viele lange Jahre.
Ich durfte ja nicht einmal klagen, war es mir doch vergönnt, dich mehr als ein Menschenalter betreuen zu dürfen.
Für Fremde war ich dabei meist unsichtbar.  Doch du hast mich immer gespürt. Ich war dein Leuchtturm, damit du immer wußtest, wo deine Heimat ist.
Nun war deine große Reise zu Ende.