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( Alle Rechte zur kommerziellen Nachnutzung der hier veröffenlichten Texte liegen - wenn nicht anders gekennzeichnet - bei Eva Jobst )


Herbert in den  späten 50ern

Herbert Jobst hatte nach der Volksschulzeit Buchdrucker gelernt und war als Mitglied der „Sozialistischen Arbeiterjugend“ und der „Roten Falken und Naturfreunde“ in die politischen Kämpfe der Weimarer Republik geraten.
In einem handschriftlichen Lebenslauf vom 13. Juni 1955, mit dem er sich um Mitgliedschaft bei der „Arbeitsgemeinschaft junger Autoren“ bewarb, lesen wir über die Zeit der dreißiger und vierziger Jahre:

 „Als 1933 der braune Malergeselle den Reichstag in Flammen aufgehen ließ und unsere besten Freunde aus den Reihen der alten Garde geprügelt und aufs äußerste erniedrigt den Weg in die KZ antraten, haben wir im Schloßgarten in Meißen gesessen und bitterlich geweint.
Tränen der Trauer, Tränen der Ohnmacht und Tränen der Wut.
1933 wurde ich zwecks Umbiegung der Gesinnung zum Arbeitsdienst nach Leipzig einberufen und lernte so den guten preußischen Drill kennen, von dem unser Geschichtslehrer immer behauptete, er hebe die Seele in den Himmel. Ich habe von dieser Seelenwanderung bisher nichts verspürt, im Gegenteil, meine Seele reagierte sauer. Da der „Führer“ an mir offenbar nicht den richtigen Gefallen fand und mich nicht zum Oberfeldmeister beförderte, blieb ich ein Jahr Arbeitsmann und wurde 1934 entlassen. Nun begann eine ereignisreiche Zeit: Wanderschaft, Gelegenheitsarbeit im Straßenbau, Nietenwärmer bei der Germaniawerft in Kiel, wieder die Straße und schließlich der Sprung über die Grenze. Ich habe die Straße über alles geliebt, sie bedeutete Freiheit und Unabhängigkeit. Ein versteckter Winkel, irgendwo in der Heide, direkt am Busen der Natur kann einem Suchenden sehr viel geben. Zwei Jahre trieb ich mich in Österreich, Jugoslawien und Italien herum, lebte von den Viatikumskassen der Buchdruckereien und hatte, wenn es schon einmal Arbeit gab, nirgends Ruhe. Ich hätte mich vermutlich noch weiter treiben lassen, wenn nicht plötzlich das Konsulat in Klagenfurt eine zwangsweise und sofortige Rückführung ins tausendjährige Reich angeordnet hätte. Die Wehrdienstpflicht war schon seit geraumer Zeit in Kraft getreten und mein Jahrgang aufgerufen. Auf diese Art bin ich also Soldat geworden und habe gleich zu Anfang feststellen müssen, daß ich, obwohl ich die halbe Welt durchlaufen hatte, nicht einmal laufen konnte  ( nach Feststellung meines Ausbilders ). Mit meinem geistigen Zustand sah es noch schlechter aus, er schwankte, nach obiger Quelle, zwischen dem Verstand einer Wanze und dem eines Kamels.
Ich habe diesen Stumpfsinn acht Jahre über mich ergehen lassen müssen und wenn es einen Trost dabei gab, so war es der, daß hinter und vor mir sowie zu beiden Seiten immer Menschen standen, denen es genau so ging.
Nach meiner zweiten Verwundung lernte ich im Laufe meines Genesungsurlaubs meine erste Frau kennen und knapp drei Monate später waren wir kriegsgetraut. In den drei Jahren meiner Ehe war ich alles in allem etwa 30 Tage zu Hause. Während ich meinen kleinen Peter wenigstens für wenige Tage sehen konnte, blieb mir mein Töchterchen Bärbel unbekannt. Sowohl meine Frau als auch die beiden Kinder sind 1945 in Elbing umgekommen.
Ich selbst kam am 16. März 1945 in sowjetische Gefangenschaft und wurde nach knapp drei Jahren aus Sibirien in die - damals noch nicht gegründete – DDR überführt.              
Da mein Gesundheitszustand sehr mangelhaft war, mußte ich mich auf Anordnung des Arztes mit leichter Arbeit begnügen. Der Hund des Fabrikbesitzers und Tabakschiebers Vogler in Dresden brachte mich körperlich wieder auf die Höhe, indem er mir jeden Abend unfreiwillig sein Futter überließ.  
Ich habe mich von Herzen darüber gefreut, daß der Hund eines Fabrikbesitzers auch in schlechten Zeiten so gute Sachen bekommen konnte. Mein größter Wunsch war damals,  auch mal Besitzer einer Tabaktauschzentrale zu sein.
Da die Götter jedoch mein Gebet nicht erhörten, kündigte ich am 30. März 1948 meine Stellung als Nachtwächter bei obiger Firma und meldete mich zur Wismut-AG.

Herbert, der Wismut-Kumpel, in den frühern 50ern in Johanngeorgernstadt.                 Bei der Wismut-AG arbeitete er acht Jahre, erst als Hauer, dann als Steiger  

Hier erfuhr ich, daß ein Mensch, selbst wenn er außer der Haut nichts auf dem Körper hat und nur den festen Vorsatz mitbringt zu arbeiten, sehr bald wieder ein wichtiges und vollwertiges Glied der menschlichen Gesellschaft werden kann.
Ich bin am heutigen Tage genau sieben Jahre unter Tage tätig und wenn ich zurückblicke, war es eine ständige innere und äußere Aufwärtsbewegung..“  

 

Herbert als "Junger Autor" 50er Jahre 



Wie der erste Tag bei der Wismut verlaufen sein könnte, entnehmen wir Jobsts drittem autobiografischen Buch, dem 1963 erschienenen Roman „Der Vagabund“:

„Mir ist zumute wie einem Mieter, dem man nach langem Hin und Her eine neue Wohnung zugewiesen hat. Nun laufe ich von Zimmer zu Zimmer, mal sehe ich aus dem einen Fenster, mal aus dem anderen, ich beklopfe die Wände und drehe am Wasserhahn. Alles kommt mir hier fremd vor und irgendwie genial primitiv: Die Barackenstadt drüben am Hang, die Zufahrtsstraßen, die Schienen und Rohrleitungen.
Alle Formalitäten sind erledigt. Ich besitze eine Kontrollnummer und einen Schachtausweis, ich habe für eine Untertage-Essenmarke quittiert, und ich habe mir sagen lassen, daß es heute Schnitzel, Salzkartoffeln und Apfelkompott zu futtern gibt. Ich male mir Schweineschnitzel an den Erzgebirgshimmel. Seht nur, wie sie hüben und drüben über den Tellerrand hängen, knusprig braun und lecker und mit heißem Fett übergossen! Fingerdickes, wollüstiges Wohlbehagen, und der Duft, ach welcher Duft!
Schnitzel sind mein Leibgericht und seit einer Stunde sind sie mein Schicksal: Ich habe mich für ein ganzes Jahr verpflichtet. Hätte es süße Graupen gegeben, wäre es bei sechs Monaten geblieben.

Über dem Ausgabeschild des Materialmagazins hängt ein Warnschild: Rauchen und Umgang mit offenem Feuer verboten. Der Magazinverwalter sitzt vergrämt inmitten seiner Schätze und gähnt.
„Ich gehe erst mal essen, und du gehst währenddessen zum sowjetischen Schachtleiter. Jeder Neuzugang muß sich bei ihm vorstellen, eher darf ich nichts herausrücken.“

Ich klopfe. Stille. Ich klopfe ein zweites und drittes Mal. Nichts. Ich lege meine Hand auf die Klinke, ich drücke und ziehe gleichzeitig. Die Tür ist nicht verschlossen. Ich sehe ein übergroßes Bild Lenins, und ich sehe ihn. Das schlimmste ist, er hat mich auch bemerkt.
Er fragt: „Was willst du?“
Ich sage: „Arbeiten.“
Er schmeckt das Wort ab, wie es manchmal Köche bei besonders schwierigen Gerichten tun. Seine Lippen buchstabieren: „Ar-bei-ten.“ Er fragt beleidigend ironisch: „Was ist das, Arbeit, na, was ist das?“
Jetzt hat er mich so weit, ich koche vor Empörung. Ein knappes drittel Jahrhundert habe ich geschuftet. Schon als Kind. Und er, ausgerechnet er will von mir wissen, was Arbeit ist. Gut, ich werde ihm was auf den Schreibtisch packen, ich kann es mir leisten. Meine Hände sind nicht vom Faulenzen groß und hart und schwielig geworden. Hastig durchrenne ich meine Vergangenheit: Kindheit, Lehrzeit, Arbeitsdienst, Vagabundenzeit, Germaniawerft, Wehrmacht, Krieg. Schwerster körperlicher Einsatz, aber kein Pfund. Kein halbes, kein viertel und kein achtel, nichts.
Das ist doch nicht möglich, das darf doch nicht möglich sein! Meine Schwielen lügen? Warum, für wen habe ich denn eigentlich gelebt? Für nichts? Wenn ich auf der Stelle tot umfiele, bliebe also nichts von mir als ein Holzkreuz, und darauf stünde: Hier ruht einer, der mit seinem Leben nichts anzufangen wusste?
Aber ich will nicht tot umfallen, ich will leben. Wozu habe ich zwei gesunde Hände und einen gesunden Verstand und ein unbändig lebenshungriges Herz? Wozu hat man mir in Sibirien… Halt, Dein Pfund!Pack aus, er wartet. Ich sage: „Sechsunddreißig Monate Kohle getrimmt, Gebiet Tscheljabinsk, Schacht Roter Oktober.“
Darauf war er nicht gefaßt.
Er winkt zum Schreibtisch und sagt: „Setz dich!“ Dreimal schnurrt die Wählscheibe des Telefons. „Revier fünf, Steiger Kerstmann, soll ausfahren, ja, im Schachtbüro.“
Durch den Türspalt tritt ein menschliches Gummipaket. Behelmter Kopf, Steigerlampe, Erzhammer.
Der Schachtleiter sagt: „Will dich mit dem neuen Hauer bekannt machen. Na, gefällt er dir?“
Wenn Blicke töten könnten, würde ich tot vom Stuhl fallen. Der Steiger sagt: „Die Neuen geben schrecklich an. Er sieht nicht aus, als ob er die Arbeit erfunden hätte. Möchte wissen, wer ihm den Hauerfloh ins Ohr gesetzt hat.“
Der Schachtleiter sagt: „Was willst du, ich habe Floh ins Ohr gesetzt.“
Welch unbeschreibliches Glücksgefühl, welch himmelhohes Dahinjagen, ich werde morgen früh einfahren, ich habe meine Sternstunde. Keine Überheblichkeit, ich bin auf ganz einfache Art glücklich, und ich nehme mein Glück mit hinaus in den Tag.

Halt, ruft da nicht jemand? Richtig, der Steiger. Er kommt langsam auf mich zu, ich gehe ihm einige Schritte entgegen. Beim Hydranten treffen wir aufeinander. Er sieht in den Himmel, ich sehe in den Himmel. Unsre Blicke treffen sich in weiter, blaßblauer Ferne.
Er sagt: „Freust dich wohl, was?“
Ich antworte: „Ja, Steiger, ich freue mich.“
Sein Erzhammer schrammt über den Hydranten, es klingt hässlich. Er sagt: „ Wirst dich nicht mehr lange freuen. Auf solche wir dich haben wir grade gewartet. Los Mensch, hau ab!“

Ich gehe. Unter mir klopft der Berg und über mir blauer Himmel. Ich pflücke aus dem wilden Reigen meiner Gedanken ein Wort und sage es immer wieder vor mich hin: „Mut, Mut, Mut…“  



Weitere Texte werden folgen!